Humankapital - Das Unwort eines früheren Jahres
Humankapital
Das Unwort eines früheren Jahres

Der geneigte Leser wird sich fragen, was eine Reflexion über ein Wort wie "Humankapital" auf einer Internet-Seite verloren hat. Als Autor dieser Zeilen halte ich es aber für wichtig, einmal über den Tellerrand von Diagnose und Therapie gleich welcher Art hinauszuschauen und das Gehör zu spitzen oder zu schulen für kollektive Strömungen, die Anklänge positiver oder negativer Art im Einzelnen, dem sogenannten Individuum initiieren, die wiederum zu Befindlichkeitsstörungen führen können.

Es kann nicht ausbleiben, daß in jedem Menschen, solange er noch ein Empfinden für die Muttersprache besitzt, bei einem Wort, über das es nachzudenken gilt, gänzlich verschiedene Assoziationen aufsteigen. Auf einer anderen Seite dieser Internet-Seite habe ich über das schönste Wort des damaligen Jahres, nämlich "Habseligkeiten", in schriftlicher Form nachgedacht >>>. Im Sinn der Polarität erscheint es mir daher wichtig, ebenso das Unwort des Jahres einer mehr oder weniger kritischen Betrachtung zu unterziehen.

Eine Trennung des Wortgebildes in Human und Kapital, also in zwei unabhängige Begriffe, wäre kein Anlaß, um darüber auch nur eine Zeile in die Welt zu setzen.
Es ist die Kombination zwischen Human, das man mit Humanitas in Verbindung bringt, und Kapital.
Der Frankfurter Germanist Prof. Horst Schlosser hat mit einer Gruppe von Germanisten dieses Wort als Unwort des Jahres 2004 gewählt. Seine Begründung: Dieses Wort dringe aus der Wirtschaftssprache in den öffentlichen Gebrauch vor und fördere damit "die zunehmend ökonomische Bewertung aller denkbaren Lebensbezüge". Weiterhin: Es degradiere nicht nur Arbeitnehmer in den Betrieben, sondern Menschen überhaupt zu "nur noch ökonomisch interessanten Größen".
Diese Wahl stieß bei Sprachwissenschaftlern auf breite Zustimmung. Der Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, Klaus Reichert, nannte die Entscheidung "sehr, sehr gut", von anderer Seite klang die Vermutung an, dieses Wort reduziere den Menschen sprachlich auf ein Wirtschaftsgeschehen.
Die Wirtschaftswissenschaftler jedoch heulten fast unisono auf. Ohne jetzt auf die einzelnen Vertreter der Ökonomen einzugehen, seien einige Zitate angeführt: Mentale Luftverschmutzung, geistige Totengräber unserer Volkswirtschaft, ökonomisches Analphabetentum, oder "dieses Wort stehe für die beste Form der Ersparnisbildung".
Mir scheint, daß diese Wirtschaftswissenschaftler in kalten mentalen Räumen leben und das Wort "Humanitas" wohl kaum in seiner ganzen Tragweite erfaßt haben. Zumal die meisten von ihnen gut abgesichert und sozial bestens abgefedert sein dürften.
Das beste Beispiel liefert jetzt in diesem Zusammenhang die Deutsche Bank. Gerade hat sie die Ertragszahlen des letzten Jahres veröffentlicht - gigantische Summen. Zugleich wird aber verkündet, daß die Bank über 6000 Stellen weltweit abbauen will, davon 1900 von ihrem "Humankapital" in Deutschland. Aber in Billiglohnländern soll neues "Humankapital" aktiviert werden. Auch das letzte Dementi des Aufsichtsratvorsitzenden Breuer kann den negativen Eindruck nur schwerlich aus der Welt schaffen.
Der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog hat es einmal in seiner oft anspornend-kritischen Art zum Ausdruck gebracht: "Es kann nicht sein, daß immer dann, wenn die Großfirmen Leute entlassen, sofort die Aktien der Firmen steigen".
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Großfirmen den Angestellten, besonders den sogenannten "Kleinen Mann" nicht mehr als Menschen sehen, sondern nur noch als nützliche Schachfigur, die man nach Belieben auf dem Firmenschachbrett hin und her schiebt, gerade jetzt in der Zeit der Globalisierung (das sehr oft als Entschuldigung herhalten muß), und dann bei Bedarf und vorgegebener Bilanz-Notwendigkeit in die Arbeitslosigkeit hineinkickt - wobei mir das Wort entlassen fast schon als human vorkäme.
Einer der gescheitesten und amüsantesten Schriftsteller im Nachkriegsdeutschland, Peter Bamm, der eine heute kaum noch anzutreffende humanistische Ausbildung genossen hatte, schreibt in seinem Buch "Die unsichtbare Flagge" häufig von der Flagge der Humanitas. Als Arzt im Zweiten Weltkrieg hat er nach besten Kräften versucht, unter dieser Maxime zu leben. Lebte er heute noch, er würde sicher über das Wort "Humankapital" sich derart äußern, das die Flagge der Humanitas in unserer heutigen Zeit nur noch auf Halbmast weht.

Ausschließliche Beschäftigung mit einem Thema kann blind machen für alles, was sich außerhalb des eigenen Dunst- und Denk-Kreises bewegt. Die deutsche Sprache, übrigens von der jetzigen Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach mit einem Artikel in der FAZ mit dem Titel "Ich liebe unsere Sprache" gewürdigt, hat dafür den trefflichen Ausdruck "Fach-Mann" geprägt.
So mag es nicht verwundern, daß gerade die Ökonomen ihr ureigenstes Sprachmonster so vehement verteidigen. Die Verseuchung der deutschen Wirtschaftssprache und auch der übrigen Sprache mit Anglizismen tut das seinige noch dazu.
Um dem ganzen einen etwas humoristisch eingefärbten Schluß einzuhauchen, indem man das Wort Kapital aus dem zweiten Wortteil nach vorn bugsiert: Die Verwendung und Prägung des Wortes "Humankapital" ist zwar kein "Kapitalfehler" oder "Kapitalverbrechen", aber es hat einen irgendwie negativ anmutenden, fast menschenverachtenden Beigeschmack.
Es wäre besser, das Wort durch "Kreatives Potential" oder "Menschliche Wertschöpfung" zu ersetzen.

Da, wie im zweiten Absatz erwähnt, jedes Wort individuelle Assoziationen hochspült, wäre im Sinn einer fruchtbaren Diskussion eine Bitte an Sie, verehrte BIO-NET-Leser, ganz legitim: Wie stehen Sie zu diesem Wort? Ich freue mich über Zuschriften.

Dr. Dietrich Volkmer
Am Haag 13
65812 Bad Soden
www.drvolkmer.de www.literatur-drvolkmer.de

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